Dekadenter Weckruf

In der Nacht von Montag auf Dienstag wollte sich ums Verrecken kein Schlaf einstellen. In meinem Hals hat sich während der vergangenen Tage ein fieses Ungeheuer eingenistet, das sich seitdem mit seinen Krallen an meinem Rachen zu schaffen macht. Die Nachtruhe konnte ich dementsprechend vergessen, und den gesamten Dienstag hindurch habe ich mich mehr schlecht als recht durch den Tag gequält.

Den Gedanken, die Wahlnacht am 4. im Fernsehen mitzuverfolgen, konnte ich dementsprechend vergessen. Die Anfänge der Berichterstattung auf CNN habe ich mir dennoch gegönnt, quasi als kleines “Betthupferl”. Irgendwann gegen Mitternacht jedoch war Feierabend. Als hätte mir jemand einen Holzhammer über den Schädel gezogen, gingen bei mir schlagartig sämtliche Lichter aus…
… nur um am nächsten Morgen übergangslos wieder angeknipst zu werden.

“Yes, we can!”

Der erste Gedanke des Tages: “Verdammt, hab ich etwa verschlafen?!” Den Wecker hatte ich nicht gehört, und die letzten Wahlergebnisse sollten irgendwann gegen 9:00 eintrudeln. Shit. Mit zusammengekniffenen Augen konnte ich gerade mal so die Zeiger erkennen. Kein rechter Winkel. Eine gerade, senkrechte Linie. Punkt 6 Uhr morgens.

“Yes, we can!”

Meiner einer Hand die Brille vom Nachttisch angelnd, mit der anderen nach der Fernbedienung tastend – so fängt Mittwoch, der 5. November 2008, für mich an. Der Fernseher lief die gesamte Nacht hindurch.

“YES, WE CAN!”

CNN zeigt eine hysterische Masse, Bilder von heulenden Menschen, wildfremde Leute liegen sich in den Armen. Schnitt. Großaufnahme des designierten 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Da schau einer an – es ist Obama geworden. Ein guter Redner mag er ja sein. Die Frage ist, wieviel der Hypothek, die ihm Bush hinterlassen wird, kann er abtragen?

Das Kratzen im Hals hat nachgelassen. Ich nehme das mal als gutes Zeichen und mache mich auf den Weg zur Arbeit. In ein paar Monaten sehen wir weiter.

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Arme, alte Tante SPD

Viel wurde der alten Dame in den letzten Jahren zugemutet. Ein Kanzler mit übergroßem Ego, der die Sozialsysteme dieses Landes um jeden Preis reformieren (oder demontieren, je nach Sichtweise) wollte, die Abspaltung der Parteilinken inklusive anschließender Fusion derselben mit der heutigen LINKEn, die massiven Verluste bei den Landtagswahlen, die ständig wechselnden Vorsitzenden. Ganz zu schweigen davon, dass die Partei in der derzeitigen Koalition mehr und mehr an den Rand gedrängt wurde.

Nun bringt das Ergebnis der letzten Landtagswahl in Hessen eine Parteienkonstellation mit sich, die eine Ablösung der CDU theoretisch ermöglicht hätte. Allerdings bedarf es dazu der Zusammenarbeit mit der Linken – für einige Mitglieder, insbesondere des rechten Flügels, ein an Blasphemie grenzender Gedanke. Anstatt nun also sachlich miteinander zu verhandeln, scheren einzelne Politiker mit großem Getöse aus und treiben so die Demontage der traditionsreichen Partei immer weiter voran. Die Konkurrenz sitzt derweil entspannt daneben und lacht sich ins Fäustchen.

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Da sieht mans mal wieder…

Auch die dickste Kutsche schützt nicht vor den Folgen fahrlässiger Handhabung. Die nachträglichen Trauerreden fand ich allerdings mangels Format der betreffenden Person reichlich überzogen.

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Kindheitserinnerungen

Viel habe ich ja nicht mitbekommen von der Unterdrückung der Bevölkerung in der ehemaligen SBZ. Eine Sache jedoch ist mir dauerhaft in Erinnerung geblieben: Die eindringliche Mahnung meiner Eltern, während meines Aufenthaltes in der Schule darauf zu achten, dass ich ja “nichts falsches” sage. Seit frühester Jugend wurde mir diese Vorsichtsmaßnahme eingetrichtert.

Ich war natürlich heilfroh, dass das marode System schließlich zusammenbrach und mit ihm die faulenden Zombies des MfS im Massengrab für ungeliebte Diktaturen verschwanden. Die naive Annahme, dass sie dort auf ewig vermodern würden, hat sich mit den Angriffen der Herren Schily und Schäuble auf die Verfassung der Bundesrepublik jedoch in Wohlgefallen aufgelöst.

Wer sich die Mühe macht, den Entwurf des sogenannten “BKA-Gesetzes” (als PDF herunterzuladen im entsprechenden Artikel auf netzpolitik.org) genauer durchzulesen, wird den Verdacht nicht los, dass unser derzeitiger Innenminister wohl heimlich ein Praktikum bei Herrn Mielke absolviert hat. Was dort unter dem Deckmäntelchen der Terrorismusbekämpfung in Stein gemeißelt werden soll, ähnelt den Praktiken der ostdeutschen Gedankenpolizei in beängstigendem Maße.

Und komm mir jetzt niemand mit “Panikmache”. Ich wurde in einem Überwachungsstaat geboren. Das prägt, und ich rieche solcherlei Bagage mehrere hundert Meilen gegen den Wind.

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Krake, ick hör dir trapsen

Beim ehemaligen ostdeutschen Pendant zum Verfassungsschutz war es ja durchaus gang und gäbe, bei längerer Abwesenheit auch mal unangemeldet die Wohnung einer beliebigen Person ohne gesonderte Angabe von Gründen zu inspizieren. Mal schauen, was sich so finden lässt.

Neu ist nun, dass sich die Freizeit-Terrorismusbekämpfer im nordrhein-westfälischen Landtag Gedanken über eine 2.0-Variante der heimlichen Durchsuchung machen. Auch die Bundespolitik liebäugelt anscheinend bereits mit solcherlei Plänen.

(via dyingeyes)

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